Kinder in Deutschland 2007
Die Kinderstudie 2007 von world vision
Wer und was?
Mit „Kinder in Deutschland“ erscheint die bundesweite Kinderstudie mit Anspruch auf Repräsentativität. Befragt wurden 1592 Kinder von acht bis 11 Jahren, zusätzlich erfolgte eine Befragung der Eltern. So grundsätzlich wie dargestellt erscheint sie mit Blick auf das Kinderpanel des dji oder das LBS Kinderbarometer (das dieses Jahr erstmals bundesweit erhoben erscheint) eigentlich nicht.
Auftraggeber ist das internationale christliche Hilfswerk „world vision“, bekannt durch seine Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“. Nachdem world vision schon einmal im nationalen Bereich mit einem Förderwettbewerb in Zusammenarbeit mit dem Rundfunkbeauftragten aufgetreten ist, erhebt world vision mit der Studie den deutlichen Anspruch, Grundlagen für eine „Anwaltschaftsarbeit“ für Kinder in Deutschland zu schaffen, und drückt dies auch im Vorwort so aus.
Erstellt wurde die Studie vom „Shell Jugendstudien“ Team rund um Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, der diese Studie auch als Vorbild der „Kinderstudie 2007“ benennt“.
Der Interviewbogen umfasst 73 Fragen, die teilweise in kurze Fragebäume führen. Umfang, aber auch Abstraktionsgrad der Fragen (Bsp.: Wie lange machst Du …etwas für die Schule?) lassen mit Blick auf das Alters fragen aufkommen, wie belastbar die Bögen teilweise am Ende gewesen sein werden. Mit ca. 1600 Bögen bewegt sich die Studie ohnehin eher am unteren Ende der seriösen Repräsentativität. Leider werden diese Fragen in den sehr kurzen Angaben zur Methodik nicht beantwortet.
Die Ergebnisse:
Familienstrukturen:
Ausführlich stellt die Studie die Familienstrukturen dar, die den Hintergrund des Aufwachsens von in der bilden. Sie sind der „Heimathafen“ von dem aus die Erkundung und Aneignung der Welt erfolgt und bestimmt wesentlich die Möglichkeiten hierzu.
-Ein rundes Viertel der Kinder lebt nicht mit beiden leiblichen Eltern zusammen.
- 17% leben bei einem alleinerziehenden Elternteil,
- 6% mit einem Stiefelternteil
Dem gegenüber leben 70% in klassischen Kernfamilie, die Generationenübergreifende Familie ist mit 3% fast ausgestorben.
Auch die Kinderzahl pro Familie ist eher gering:
- 25% leben ohne Geschwister
- 50% der Kinder haben ein Geschwisterkind
- nur 25% haben zwei oder mehr Geschwisterkinder.
Ein letztes Datum zeigt eine relevante Veränderung der klassischen Familienstruktur: Mit 42 % sind die Kinder, die in einer Familie leben, in der der Vater alleine für den Erwerb zuständig ist, in der Minderheit. Die Konsequenzen dieser Familiestrukturen sind (vordergründig) eher gering. Vor dem Hintergrund dieser Familienstrukturen, insbesondere mit Blick auf den Erwerbshintergrund überraschen zwei Daten:
Zum einen besuchen nur 18% eine außerfamiliäre Nachmittagsbetreuung, wobei sich der klassische Ost-West-Unterschied bestätigt (im Osten 50%), die Versorgung und Betreuung wird weitgehend durch die Familie und insbesondere durch die Eltern sicher gestellt.
Zum anderen spielen daneben Formen der Ganztagsschule eine sehr untergeordnete Rolle: Nur jedes neunte Kind besucht eine solche (11%). Dabei zeigen Ganztagsschulen eine deutliche Tendenz in Richtung „Städtisch“, „formal geringerer Bildungsgrad“ und leichter „Überrepräsentanz unterer Mittelschichten“. Deutet sich hier an, dass die Ganztagsschule zum Betreuungsinstrument für Kinder aus benachteiligenden Zusammenhängen wird?
Mit Blick auf die Familienstrukturen erscheint ein weiterer Ausbau öffentlicher Betreuung ebenso geboten, wie Möglichkeiten der Flexibilisierung von Arbeit usw. Bei der Bewertung dieser Daten darf nicht vergessen werden, dass sie insgesamt nur diejenigen Familie abbilden, die unter diesen offensichtlich nicht sehr kinder- und familienfreundlichen gesellschaftlichen Bedingungen sich dennoch für Kinder entschieden haben. Diese allerdings schaffen es offenbar mit entsprechendem persönlichen Einsatz und individuellen Lösungen im Hohen Maße selbst ihrer Elternverantwortung nachzukommen.
Ein letztes Ergebnis in diesem Kontext zeigt schließlich ein eher ruhiges und wenig konfliktives Familienklima – nur 6% der Kinder berichten von „regelmäßigem Streit“ mit ihren Eltern. Dabei erleben allerdings noch 14 % der Kinder elterliche Gewaltmaßnahmen wie Züchtigungen oder Ohrfeigen. Eine Gewalt-freie Erziehung ist also bei beidem noch nicht gegeben. Sorge bereitet, dass hier (erneut) Kinder aus den unteren Herkunftsschichten im vergleich am meisten betroffen sind. Insgesamt erinnern diese Ergebnisse stark an die Daten der Shellstudie, die eher partnerschaftliches-kooperatives Verhältnis zwischen Eltern und Jugendlichen annimmt. Ein solches scheint auch überwiegend das Erziehungsverhalten gegenüber Kinder zu prägen.
Armut, Benachteiligung und Migration
Die Studie unternimmt durch die Erhebung einer subjektiven Selbsteinschätzung der Eltern einen interessanten Versuch, die Armutsproblematik aus einer neuen Persperktive zu fassen. Befragt wurden Eltern, wie sie mit ihrem Einkommen auskommen. 13% nur dies nur „schlecht“ oder „sehr schlecht“. Besonders häufig sind hier erwerbslose, alleinerziehende sowie Eltern aus Ostdeutschland vertreten. Wird dieses Tableau um Bildungsposition der Eltern und die Familienstruktur („Alleinerziehend“) erweitert, so lassen sich 9% der Kinder einer „Unterschicht“ und 19% einer „unteren Mittelschicht“ zuordnen.
Damit bestätigt die Studie letztlich die bekannten Daten aus einer neuen Perspektive. Es verdient Beachtung, dass Hurrelmann & Co. Nach der unproduktiven „Prekariatsdebatte“ den Mut finden, die Daten so klar zu interpretieren: in der Tat zeichnet in allen Untersuchungen immer wieder sich ein Segment von rund 10% der Kinder ab, die in solchen Formen von Armut leben, die aufgrund struktureller Faktoren und Beharrungsmomente sich auch klar als eine gesellschaftliche „Schicht“ identifizieren lassen.
Die schlechten Chancen von Kindern aus den „unteren Herkunftsschichten“ belegt die Studie an vielen Stellen (s. o.) – andere Bespiele bezüglich Taschengeld, Freizeitgestaltung, Leseverhalten usw. ließen sich anführen.
Migration ist ein wesentlicher Teil des Lebens von Kindern: 11% der Kinder in Deutschland haben keinen deutschen Pass, weitere 13% stammen von Eltern ab, die selbst nicht in Deutschland geboren wurden. Also hat ein Viertel der Kinder einen Migrationshintergrund im engeren Sinne. Dabei sind die Unterschied zu Kindern ohen Migrationshintergrund zwar gegeben, aber weniger ausgeprägt als oft vermutet. In den Familienstrukturen gibt es zwar leichte Tendenzen zu intakten Kernfamilien, Mehrgenerationenfamilien oder auch zu Mehrkind-Familien, diese Unterschiede bewegen sich aber je im Bereich von unter 5%. Mit 17% sind Kinder mit Migrationshintergrund deutlich (um 8%) überrepräsentiert in der untersten Gesellschaftsschicht. Aus diesen strukturellen Daten lassen sich deutliche Handlungsbedarfe für eine aktivere Integrationspolitik ablesen, eine generelle Gleichsetzung von „Migration“ mit „Benachteiligung“ oder gar „Armut“ wäre jedoch zu weit gegriffen.
Auch hier lässt sich eine besondere Risikogruppe erahnen. Innerhalb der Kinder mit Migrationshintergrund fallen die auf, die keine deutsche Nationalität besitzen und deren häusliche Umgangssprache die Heimatsprache der Eltern ist. Hier dürften zahlreiche Integrationsprobleme kumulieren.
Dem Zusammenhang von Bildungsverlauf und Herkunftsschicht widmet die Studie ein eigenen Kapitel, den Ergebnisse bestätigen das bereits – etwa aus dem Bildungsbericht der Bundesregierung – Bekannte, so dass eine Wiedergabe der Ergebnisse an dieser Stelle überflüssig ist.
Religiosität und Freizeitgestaltung
Unterschiede hinsichtlich der Herkunft prägen auch die religiöse Identität von Kindern. Hier prägen sich – so die Studie – deutlich drei Kulturen aus:
- der „religionsferne Osten“ (nur 22% „Religion ist zu hause wichtig“)
- der „plurale Westen“ (49% w. v.) sowie
- die „Welt der Kinder mit Migrationshintergrund“ (67% w. v.)
Dabei sind 11% der Jungen und 12% der Mädchen in einer „Kirchengruppe“ aktiv. Dies stellt eine wichtigsten Formen der Freizeitgestaltung in der Gruppe neben Sportvereinen und Musikschulen dar.
Die Studie befasst sich daneben auch mit den peer-group-Zusammenhängen von Kindern und intepretiert – etwas gewagt – dass 68 % der Kinder hier „angemessen integriert“ sei. Dahinter steht, dass nur 21% der Kinder gerne „mehr Freunde“ und 6% der Kinder gerne ein(e) Hauptfreund(in) hätten. Insgesamt wirken die Daten zu dünn, um z. B. eine Beurteilung von „Verinselungsphänomenen“ vorzunehmen. Immerhin werfen die Daten ein interessante Schlaglicht auf das Sozial- und Gefühlleben von Kindern, etwa auf ihre große Wertschätzung für Eigenschaften bei Freund(inn)en wie „Verlässlichkeit“ oder die „Bereitschaft, für Freunde einzustehen“. Beklemmend wirkt in diesem Zusammenhang, das grade auch im bereich der sozialen Integration eine erhebliche Benachteiligung von Kinder aus den unteren Herkunftsschichten besteht: : Grade sie sind es, die am wenigsten hinreichend sozial integriert sind.
Konsequenzen aus den Forschungsergebnisse
Am Ende der Studie wagen die Autor(innen) Klaus Hurrelmann und Sabine Andresen auf 29 Seiten einen Ausblick, den sie unter den Gedanken stellen: „Ein ganzes Dorf wird gebraucht, um ein Kind stark zu machen.“ Dieser Ausblick gelingt nur teilweise. Zunächst wird gerafft der Rahmen der aktuellen politischen Diskussion wieder gegeben, von der UN-Kinderrechtskonvention über die Aufnahme von Kinderrechten in die Verfassung bis hin zum Nationalen Aktionsplan für ein kindergerechtes Deutschland (NAP). Etwas konkreter wird die Betrachtung, wer denn zum „gesellschaftlichen Dorf“ gehört und in welcher Form aktiviert werden muss. Auch hier ist wenig neues zu lesen, der Bogen spannt sich von der Bearbeitung der Armutsproblematik, Familienunterstützung, Elternbildung, Kampf gegen Vernachlässigung, Bildungspolitik für Kinder und Gesundheitspolitik. Hier viele gute, berechtigte und damit auch altbekannt Forderung wiederholt, ohne das neue Akzente ins Auge fallen würden, die nicht aus Vorgängerstudien- oder Berichten – oder auch dem NAP -bekannt wären. Immerhin bietet die Studie aber erstmal eine kohärent auf Kinder bezogene Politikstrategie, die Kinder auf Basis einer einheitlichen Erkenntnislage in den Mittelpunkt stellt. Dies ist ein großer Verdienst der Studie.
Für die Jugendverbände und die Kinder- und Jugendarbeit findet sich dann noch ein echtes kleines „Juwel“ in dem hier erstmal so deutlich entwickelten Vorstellung einer „Freizeitpolitik“ für Kinder. Die spannenden Zusammenhänge zum Gesellungsverhalten, die den Hintergrund bilden, wurden bereits kurz rezipiert. Hurrelmann und Andresen werten es als eines der „wichtigsten und überraschenden Ergebnisse (…) die (…)Bedeutung, die dem Freizeitverhalten der Kinder für ihre (…) Persönlichkeitsentwicklung zukommt.“ (S. 380). Leider wird die Auswertung vor allem mit Blick auf das Medienkonsumverhalten verfolgt. (Bereits die Überschrift: „Anregen lassen oder Fernsehen?“ wirkt populistisch.) Für die Arbeit mit Kindern wird hier zumindest eine Spur aufgezeigt, die kinderpolitisch weiter verfolgt werden muss.
Wert für Politik und Praxis
Zusammengefasst ist festzustellen, dass die Studie vieles Bekannte bestätigt, weniges konkretisiert und hinsichtlich der Konsequenzen eher summarisch denn progressiv wirkt. Besonders eingängige Typisierungen oder Zuspitzungen a la „pragmatische Idealisten“, die bislang eher gefühltes auf den Punkt bringen und für den (politischen) Diskurs handhabbar machen, sind zumindest beim ersten Lesen nicht feststellbar.
So mag den die Studie für dem einen oder die andere das Arbeitsleben erleichtern, aufgrund der jetzt verfügbaren kohärenten Forschungslage. Zu wünschen wäre, dass durch die konzentrierte und aufbereitete Form einer empirischen Datenlage, ihrer Interpretation und politischer Perspektiven die Studie auch den Personenkreis derjenigen erweitert, die sich fundiert für die Verwirklichung der Kinderrechte in Deutschland einsetzen.
World Vision Deutschland e. V. (Hrsg.): Kinder in Deutschland 2007, 1 World Vision
Kinderstudie, Frankfurt am Main, 2007
Geschrieben von augur am 27. November 2007 :: Rubrik: Kinder

